Wohlbefinden statt Body Shaming

Aus aktuellem Anlass möchte die Redaktion des MedSpecialists Magazins im ersten Teil unserer Serie zum Thema Wohlbefinden und Selbstwertgefühl im eigenen Körper auf ein wichtiges Thema eingehen. Ganz speziell möchten wir in unserem Beitrag das Body-Shaming frischgebackener Mütter thematisieren. Unter Body Shaming versteht man grundsätzlich die Kritik und Anfeindung anderer für den eigenen Körper, der augenscheinlich nicht der gewünschten ‘Norm’ entspricht. Das Body Shaming gehört in unserer Gesellschaft fast schon zum Alltag und doch passiert es oft ganz unterbewusst, dass wir andere für ihren Körper oder ihre Figur kritisieren. Aber fangen wir dafür ganz vorne an:

Nur wenige Stunden nach der Geburt präsentierte Herzogin Kate vor einigen Wochen stolz ihren jüngsten Sohn traditionell am Lindo Wing des St.Mary’s Hospitals in London. Die Bilder des royalen Nachwuchses verbreiteten sich rasend schnell und doch löst dieser freudige Anlass bei vielen Müttern Empörung aus. Während die Aufmerksamkeit doch vor allem dem kleinen Prinzen gelten sollte, so waren alle Augen auf Mama Kate gerichtet.

Viele warfen der frischgebackenen dreifachen Mutter vor ein realitätsfernes Bild von Frauen unmittelbar nach der Geburt zu präsentieren.
Top gestylt im roten Kleid, High Heels, frisch geschminkt und mit typischer Kate-Welle hätte der Auftritt der Herzogin nur wenig mit dem Zustand der meisten Frauen nach einer Geburt zu tun. Die Anstrengungen und Schmerzen der Geburt sowie die allgemeine Erschöpfung scheinen bei Kate jedoch wie weggeblasen.
Bilder wie diese sind der Grund warum sich einige fragen, warum manche Mütter wochen- und sogar monatelang mit den Anstrengungen und den Folgeerscheinungen einer Geburt zu kämpfen haben und warum andere innerhalb kürzester Zeit wieder topfit sind.
Warum kann es nicht für alle so einfach sein, wie es zumindest bei Kate den Anschein hat? Und warum wird erwartet, dass Mütter nach der Geburt hübsch aussehen müssen und sich die Strapazen der jüngsten Ereignisse nicht mehr ansehen lassen dürfen? Warum muss Kate das jüngste Familienmitglied so gestylt präsentieren?

Und dennoch sind es gerade diejenigen, die am meisten Verständnis haben müssen, die meinen anderen Frauen zu sagen, wie sich zu verhalten haben: andere Mütter.
Das zeigen auch unzählige Bilder, die Frauen aus der ganzen Welt als Reaktion auf Kates Auftritt im Netz posten und sie für ihren perfekten Auftritt belächeln. Mit der gestylten Herzogin haben diese Bilder nämlich wenig gemein. Natürlich lässt sich vermuten, dass auch Powerfrau Kate nach dem knapp 2 minütigen öffentlichen Auftritt ihr Outfit wohl schnell gegen ein bequemeres getauscht hat. Und auch darf nicht außer Acht gelassen werden: Kates frisches Aussehen ist kein Wunder, sondern das Werk einer Vielzahl an Stylisten und Visagisten, die sich speziell um den Auftritt der Herzogin kümmern. Das bleibt uns ‘Normalfrauen’ zum Glück erspart.

Aber dennoch scheint diese Art der Kritik und des Bodyshamings in beide Richtungen zu funktionieren: Wer nach der Geburt zu schnell wieder auf den Beinen ist, wird dafür kritisiert und wer nach Monaten immer noch ein paar zusätzliche Kilos auf die Waage bringt, oder keinen perfekt straffen Bauch zeigen kann, macht ebenfalls alles falsch. Und das obwohl unsere Gesellschaft heute verzweifelt versucht Individualität zu schaffen.

Zum einen wirkt die traditionelle Vorstellung, wie sich eine Mutter zu verhalten hat auch heute noch: Mütter sollen aufopfernd, fürsorglich und eben rundherum mütterlich und gar nicht sexy sein. Und gleichzeitig wird von Frauen erwartet modern und stark zu sein und sich am besten gar nicht anmerken zu lassen, dass sie Kinder haben. Stattdessen sollen sie möglichst schnell ihre Ausgangsfigur erreicht haben und möglichst schnell wieder beruflich durchstarten. Während der Bauch vor der Geburt nicht kugelrund genug sein konnte, so hat er mit dem Moment der Geburt am besten restlos zu verschwinden.
Dabei sollte es doch jedem Menschen, in diesem Fall jeder Frau, gestattet sein, sich so zu verhalten, wie es dem eigenen Körper gut tut, ganz gleich was andere erwarten.
So unterschiedlich wie jede Schwangerschaft und jede Geburt verläuft, so unterschiedlich fühlen sich Frauen direkt nach der Geburt und in der Zeit danach. Während einige innerhalb kürzester Zeit alltäglichen Aktivitäten nachgehen können und schnell wieder ihre Before-Baby-Figur erreichen, so benötigen andere mehr Zeit, um sich vollständig zu erholen oder behalten für immer Spuren der Schwangerschaft. Und das sollte völlig in Ordnung sein.

Und obwohl immer mehr Frauen ganz offen zu ihrem Körper stehen und kleine Makel lieb gewonnen haben und diese auch offen zeigen, so scheinen andere ‘Nachwirkungen’ einer Schwangerschaft noch immer ein Tabu zu sein. Dabei sind diese Beschwerden ganz normal und gehören für unzählige Mütter zum Alltag.
Es gibt also keinen Grund diese Dinge zu tabuisieren, denn wie eine Geburt abläuft, dürfte jedem geläufig sein, und dass dieser Vorgang nicht durchweg schön ist und am weiblichen Körper nicht spurlos vorübergeht, sollte ebenfalls klar sein. Während typische Geburtsverletzungen heute im Normalfall recht schnell verheilen, so bleiben andere Beschwerden auch noch längere Zeit nach der Geburt bestehen. Nur wollen die anderen davon bitte möglichst wenig mitbekommen.

Aber nicht nur physische Beschwerden werden häufig nicht offen angesprochen. Auch die psychische Belastung, unter der einige Mütter nach der Geburt leiden, auch bekannt als postnatale Depression oder Babyblues, wird oftmals unter Verschluss gehalten. Dabei ist auch das eine natürliche Reaktion des Körpers: nach der Geburt erleben Frauen nicht selten eine hormonelle Achterbahnfahrt. Hinzu kommt, dass sich das gewohnte Leben mit der Geburt eines Kindes von einem Tag auf den anderen schlagartig verändert. Während einige Mütter förmlich vor Glückshormonen übersprudeln, so fühlen sich andere in der ersten Zeit mit ihrem Baby und den neuen Aufgaben etwas überfordert. Und doch trauen sie sich häufig nicht um Hilfe zu bitten, aus Angst sie könnten verurteilt und ihre Qualität als Mutter in Frage gestellt werden. Stattdessen wäre es doch viel hilfreicher anderen Müttern unter die Arme zu greifen, anstatt sie mit Vorurteilen zusätzlich zu belasten.

Letztendlich sollte es jeder Mama selbst überlassen bleiben, wie lange sie braucht, um sich zu erholen, mit welcher Figur sie sich wohl fühlt, für welches Outfit sie sich entscheidet, ob sie Hilfe von außen annimmt und welche Art von Mama sie eigentlich sein möchte.

Als Mitglied der Royals gehört ein kurzer Auftritt mit Baby wenige Stunden nach der Geburt für Kate wohl oder übel zum Programm. Für ihr frisches und strahlendes Aussehen und natürlich für den kleinen Prinzen kann man sie also nur herzlich beglückwünschen.

Und auch in Zukunft möchten wir Sie im MedSpecialists Magazin mit weiteren Teilen unserer Serie zum Thema “Wohlbefinden statt Body Shaming” zu aktuellen Themen informieren und auf dieses wichtige Thema aufmerksam machen.

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