Beckenbodenschwäche bei Männern – ein Tabuthema?

Eine Beckenbodenschwäche gilt als typisches Frauenleiden, das vor allem frischgebackene Mütter betrifft. Doch auch Männer können unter einem schwachen Beckenboden leiden. Im Folgenden erklären wir, welche positiven Auswirkungen eine starke Beckenbodenmuskulatur für Männer mit sich bringt und was zu tun ist, wenn sich Symptome einer Beckenbodeninsuffizienz zeigen.

Der männliche Beckenboden

Der in der Beckenhöhle liegende Beckenboden besteht aus gitterförmig angeordneten Muskeln und Bindegewebe. Er verbindet das Schambein mit dem Steißbein und den beiden Sitzhöckern. Seine Aufgabe besteht vor allem darin, sich im entscheidenden Moment anzuspannen, zu entspannen oder reflexartig gegenzuhalten. Das Anspannen sichert sowohl Männern als auch Frauen die Kontrolle über die Schließmuskeln in Harnröhre und Anus. Das „Gegenhalten“ ist wichtig, damit wir beim Lachen, Husten oder Niesen keinen Urin verlieren. Der entspannte Zustand wiederum ermöglicht nicht nur das Wasserlassen, sondern beim Mann auch eine Erektion. Tatsächlich bezeichnen manche Experten den Beckenboden als „Potenzmuskulatur“: Ist er stark, können Männer eine festere und längere Erektion erzielen sowie einem vorzeitigen Samenerguss vorbeugen. Zusätzlich kann ein gut trainierter Beckenbodenmuskel die Körperhaltung verbessern.

Symptome der Beckenbodenschwäche beim Mann

Kommt es zu Beschwerden rund um Potenz oder Kontinenz, ist beim Mann in vielen Fällen ein Problem mit der Prostata im Zusammenhang mit einer Beckenbodenschwäche ursächlich. Der Anfang ist schleichend. Meist verspüren Betroffene aufgrund einer Prostatavergrößerung häufiger Harndrang als früher, wobei das Urinieren länger dauern kann. Männer sollten am besten schon bei diesen ersten Symptomen einen Arzt aufsuchen, um möglichst früh gegensteuern zu können.
Im weiteren Verlauf wird es schwieriger, den Harn zu kontrollieren. Damit einher geht der Verlust von Harntropfen beim Lachen oder schwerem Heben. Experten sprechen von einer „Belastungsinkontinenz“. Durch Beckenbodenschwäche bedingte Potenzstörungen können sich in vorzeitigem Samenerguss oder durch eine schwache beziehungsweise zu kurz anhaltende Erektion äußern.
Insbesondere wenn einer der folgenden Risikofaktoren zutrifft, sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen, sobald es zu Einschränkungen kommt. Denn Potenzprobleme können rasch eine negative Eigendynamik entwickeln.

Risikofaktoren für einen schwachen Beckenboden

Wie bei so vielen Dingen im Leben gilt auch rund ums Thema Beckenboden: Mit dem Alter steigt das Risiko! Dies trifft auf Beckenbodenschwäche sowohl bei Männern als auch bei Frauen zu. Es gilt jedoch insbesondere für alle, die regelmäßig große körperliche Lasten heben oder häufig unter Husten leiden. Auch Übergewicht schadet dem Beckenboden. Gutartige Prostatavergrößerungen (benigne Prostatahyperplasie) führen ebenfalls zu Problemen rund um das Kraftzentrum in der Körpermitte. Eine Operation an der Prostata – vor allem deren komplette Entfernung aufgrund eines Prostatakarzinoms – kann Muskeln, Bindegewebe oder Nerven in diesem Bereich negativ beeinflussen. Häufig geht damit eine nachhaltige Schwächung des Beckenbodens einher.

Beckenbodenschwäche – die Schweregrade

Experten teilen eine Beckenbodenschwäche in vier Schweregrade ein. Die Grenzen können dabei jedoch fließend sein. Grundsätzlichgilt – je früher die Beckenbodenschwäche erkannt und behandelt wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten.

Grad 1: Betroffene spüren einen diffusen Druck rund um die Becken- und Darmregion und leiden bei falscher Ernährung schneller unter Verstopfung.
Grad 2: Manche klagen vor allem über bleibenden Druck nach dem Stuhlgang. Es können erste Probleme mit Stuhl- und Harninkontinenz auftreten, typisch dafür ist die Belastungsinkontinenz.
Grad 3: Es kommt zu schweren Verstopfungen und Hämorrhoiden. Bei Belastung ist es zunehmend häufiger unmöglich, den Harn zu kontrollieren.
Grad 4: Ab jetzt tritt Stuhlinkontinenz auf. Von diesem Schweregrad sprechen wir auch, wenn es zu einem Analprolaps, einem Vorfall des Analkanals aus dem Anus, kommt.

Auch für Männer gilt: Den Beckenboden im Alltag schützen

Die besten Voraussetzungen für einen gesunden Beckenboden bringt mit, wer kein Übergewicht hat und regelmäßig Sport treibt. Auch im Alltag können Männer einiges tun, um den Beckenboden zu stärken, ohne ihn zu strapazieren. Atmen Sie beispielsweise vor dem Heben einer schweren Last aus – so schützen Sie den Beckenboden vor hohem Druck. Auch übermäßiges Pressen beim Stuhlgang sollte vermieden werden.

Beckenboden gezielt trainieren – auch Männersache!

Gezieltes Training der Beckenbodenmuskulatur kann Männern effektiv helfen. Da jedoch viele aufgrund von Schamgefühlen erst mit fortgeschrittenen Beschwerden zum Arzt gehen, ist es nicht immer möglich, die Schwäche allein durch Training erfolgreich zu therapieren.
Besonders effektiv ist das Training also bei leichter Beckenbodenschwäche sowie zur Vorbeugung. Bei größeren Einschränkungen und nach einer Prostata-Operation kann das Training nicht immer zu vollständiger Beschwerdefreiheit führen.
In jedem Fall ist allerdings Geduld gefragt: Meist zeigen sich die positiven Trainingseffekte nach rund zwei bis drei Monaten. Es kann bei einigen Patienten bis zu einem halben Jahr dauern, bis die Therapie durch Training Erfolge zeigt.

Training für den männlichen Beckenboden

Beckenbodentraining für den Mann ist kein moderner Hype – bereits 2006 hat Fußballtrainer Jürgen Klinsmann einen Trainer engagiert, um der damaligen Nationalelf ein Core-Stability-Training zukommen zu lassen. Dabei ging es um die gezielte Stärkung von Rücken-, Bauch- und Beckenbodenmuskulatur.
Vor dem Training ist es sinnvoll, ein Bewusstsein für die Lage des Beckenbodens zu entwickeln. Dies lässt sich mit gezielten Wahrnehmungsübungen erreichen. Die einfachste davon besteht darin, den Harnstrahl während des Urinierens gezielt durch das Anspannen des Beckenbodens zu unterbrechen. So nehmen Sie einen Teil des Beckenbodens bewusst wahr. Allerdings sollten Sie diese Wahrnehmungsübung nicht zu häufig ausführen.
Von einem starken Beckenboden profitiert jedermann. Wenn Sie ohnehin regelmäßig Sport treiben, nehmen Sie Squats, Ballpresse in Rückenlage, Knieheber im Vierfüßlerstand und Wandläufer in Ihren Trainingsplan auf. Spannen Sie während der Übungen den Beckenboden parallel zur Anstrengung an.
Männer, die einer Prostata-Operation entgegensehen, können bereits vorher mit der gezielten Stärkung des Beckenbodens beginnen.
Liegen bereits Beschwerden vor, ist ein individuelles Training wichtig. Am besten ist es, sich die passenden Übungen von einem Arzt oder Physiotherapeuten zeigen zu lassen. Anschließend können Sie sie zuhause wiederholen.
Sportler, die bereits Symptome einer Beckenbodenschwäche verspüren, sollten Bauchübungen wie Sit-ups nicht ohne Rücksprache mit einem Arzt oder Physiotherapeuten durchführen. Denn dabei entsteht ein hoher Druck auf den Beckenboden.

Weitere Therapiemöglichkeiten bei Beckenbodenschwäche bei Männern

In manchen Fällen kann die Elektrotherapie als Ergänzung zur Krankengymnastik Symptome einer Beckenbodenschwäche lindern. Dabei wird der Beckenboden mithilfe von elektrischen Impulsen für die Betroffenen spürbarer, so dass sie die Muskeln effektiver trainieren können. Auch elektrische sakrale Nervenstimulation stellt eine mögliche Therapie dar, die insbesondere bei Inkontinenz hilfreich sein kann. Vor allem bei Beschwerden nach einer Operation macht die Elektrotherapie Sinn. Auch das Verringern von vorhandenem Übergewicht kann die Symptome einer Beckenbodenschwäche merklich verbessern.

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