Pflanzliche Hormone in Lebensmitteln – gesund oder gefährlich?

Ob Stress-, Sexual-, Glücks- oder Schlafhormone – „Botenstoffe“ sind maßgeblich daran beteiligt, dass in unserem Körper alles rund läuft. Während unser Körper diese Botenstoffe selbst herstellt, enthalten auch einige Nahrungsmittel, wie beispielsweise einige Pflanzen, von Natur aus hormonähnliche Stoffe. In diesem Beitrag gehen wir der Frage nach, inwiefern diese „pflanzlichen Hormone“ Einfluss auf unser Wohlergehen haben können.

Hormone als Boten unseres Körpers

Hormone steuern in unserem Organismus unzählige Stoffwechselprozesse, indem sie Botschaften zwischen Organen und Geweben vermitteln. Dabei beeinflussen sie auch unsere Stimmung: Serotonin und Dopamin gelten als Glücklichmacher, Adrenalin hilft uns, in Notsituationen alle Kräfte zu mobilisieren. Andere Hormone stillen Schmerzen oder regulieren den Energiehaushalt. Und Sexualhormone wie Östrogen oder Testosteron sind für männliche und weibliche Merkmale verantwortlich, haben aber auch Einfluss auf die Stimmung.
Das komplexe Zusammenspiel der Hormone sorgt für unser Wohlbefinden. Während Hirnanhangdrüse, Bauchspeichel- und Schilddrüse sowie Geschlechtsorgane einige Hormone selbst herstellen, nehmen wir auch durch bestimmte Nahrungsmittel Hormone oder hormonähnliche Substanzen zu uns.

Pflanzliche Hormone – Segen oder Fluch?

Einige Pflanzen enthalten von Natur aus hormonähnliche Substanzen, die andere Lebewesen über die Nahrung aufnehmen.
Ihre hormonaktivierenden Substanzen docken dann an die entsprechenden Rezeptoren für körpereigene Botenstoffe an. Sie können auf diese Weise den Hormonhaushalt von Mensch und Tier beeinflussen.
Bei allen „Pflanzenhormonen“ handelt es sich um sekundäre Pflanzenstoffe, die die Pflanzen nicht zum Überleben benötigen – darum die Bezeichnung „sekundär“. Die bekanntesten Vertreter der „Pflanzenhormone“ sind die sogenannten Isoflavone und Lignane.
Isoflavone, die dem Hormon Östrogen ähneln, können den Hormonhaushalt von Fressfeinden beeinflussen. Pflanzenpopulationen profitieren dann langfristig von dieser hormonellen Wirkung: Fressen Schafe das hormonaktivierende Grün in großen Mengen, bekommen sie weniger Nachkommen. Im menschlichen Körper sind Phytoöstrogene hormonell nur schwach wirksam.

Östrogene in Lebensmitteln

Eine der bekanntesten – und umstrittensten, doch dazu später mehr – Quellen für östrogenähnliche Substanzen sind Sojabohnen. Zu den daraus gewonnenen Produkten zählen Tofu, Sojamilch und Miso. Außerdem beinhalten Leinsamen, Sonnenblumen- und Kürbiskerne, Hülsenfrüchte wie Linsen, Bohnen, Kichererbsen sowie einige Kohlsorten Pflanzenhormone mit östrogenähnlicher Wirkung. Als i-Tüpfelchen auf Salaten enthält auch Rotklee reichlich Phytoöstrogene. Die hormonwirksamen Pflanzen Mönchspfeffer, Johanniskraut und Hopfen sind  sogar als Tee oder Extrakt erhältlich.
Nicht nur östrogenähnliche Phytohormone, auch der Sparringpartner von Östrogen, nämlich Progesteron, ist in Vorstufen in der Pflanzenwelt vertreten. Experten sprechen dabei von Phytogestagenen. Als solche gelten zum Beispiel Fenchel oder die Yams-Wurzel, die in Apotheken oder Drogerien als Pulver, Tees oder in Kapselform zu finden ist. Auch mit pflanzlichem Progesteron können Frauen den Hormonhaushalt natürlich regulieren. Allerdings sind Phytogestagene in der Wirkung tendenziell schwächer als Phytoöstrogene.

Pflanzliche Hormonersatztherapie bei Wechselbeschwerden?

Hitzewallungen, Osteoporose, Stimmungsschwankungen: Wenn der Hormonspiegel im Körper der Frau während der Wechseljahre sinkt, führt dies zu Symptomen, die die Lebensqualität einschränken. Manche Frauen ab 40 entscheiden sich darum für eine Hormonersatztherapie. Aber auch pflanzliche Hormone scheinen den Hormonhaushalt positiv zu beeinflussen.
Ein Blick nach Asien eröffnet westlichen Frauen nämlich neue Perspektiven: In asiatischen Ländern treten die typischen Beschwerden der Wechseljahre nämlich weitaus seltener und weniger ausgeprägt auf.
Als Grund hierfür wird unter anderem der asiatische Speiseplan angeführt. Soja, Miso und Tofu bilden einen wichtigen Bestandteil der asiatischen Küche und sind reich an phytoöstrogenen Substanzen. Das wiederum wirkt sich positiv auf den Hormonhaushalt aus und reduziert besonders in den Wechseljahren unangenehme Beschwerden.
Eine Änderung des Speiseplans scheint für Frauen in westlichen Ländern, die unter Wechseljahresbeschwerden leiden, also durchaus sinnvoll.
Allerdings lässt sich nicht alles von einem auf den anderen Kontinent übertragen. Denn dieser Ernährungsvorteil spielt womöglich bereits im Kinder- oder Teenageralter asiatischer Frauen eine Rolle und ist allein durch eine pflanzliche Hormonersatztherapie in den Wechseljahren nicht mehr wettzumachen. Ein weiterer Nachteil: Der Mehrheit der Europäerinnen fehlt ein Enzym, mit dem der Körper asiatischer Frauen Isoflavone verwertet. Hinzu kommen unterschiedliche Zubereitungsarten: In Japan beispielsweise sind Darm- und Brustkrebs seltener als in Europa, doch nehmen Japaner Soja besonders häufig in gegorener Form als Miso-Paste zu sich.
So sind von pflanzlichen Hormonen in den Wechseljahren keine Wunder zu erwarten, dennoch kann eine abwechslungsreiche Ernährung, auch mit asiatischen Lebensmitteln, auf keinen Fall schaden.

Pflanzliche Hormone bei Kinderwunsch und Menstruationsbeschwerden

Fest steht, dass die hormonaktivierenden Substanzen den Hormonhaushalt beeinflussen können. Viele Frauen machen sich die phytohormonelle Wirkung einiger Pflanzen deshalb zunutze: So kann die Einnahme von Mönchspfeffer-Produkten das prämenstruelle Syndrom, beziehungsweise Menstruationsbeschwerden ganz allgemein, lindern.
Mönchspfeffer kann den Spiegel des Hormons Prolaktin senken und hat ebenfalls Einfluss auf Östrogen, das Follikelstimulierende Hormon (FSH) sowie das Gelbkörperhormon. Es empfiehlt sich jedoch insbesondere bei Kinderwunsch nicht auf eigene Faust Mönchspfeffer einzunehmen, sondern erst einen Arzt aufzusuchen. Bei einem unregelmäßigen Zyklus wird ein Gynäkologe die Hormone an bestimmten Zyklustagen messen, um herauszufinden, ob es nötig ist, den Hormonhaushalt zu regulieren. Mönchspfeffer auf Verdacht könnte den Zyklus sogar noch mehr aus der Balance bringen.

Risiken hormonhaltiger Lebensmittel

Inwiefern Östrogene in Lebensmitteln Einfluss auf die menschliche Gesundheit nehmen, ist umstritten. Einige Studienergebnisse legen nahe, dass ein Zuviel an Hormonen oder hormonähnlichen Stoffen die Entstehung von Brust-, Prostata- oder Hodenkrebs sowie Diabetes und Fettleibigkeit fördert. Auch Krebspatienten sollten mit ihrem Arzt sprechen, bevor sie selbstständig zu Nahrungsergänzungsmittel mit hormonaktivierenden Substanzen greifen.

Soja – Gefahr für Vegetarier?

Ob aus ethischen, gesundheitlichen oder ökologischen Gründen: Immer mehr Menschen entscheiden sich, den Anteil tierischer Nahrung auf ihrem Speiseplan zu reduzieren. Parallel hierzu steigt der Verzehr von Sojaprodukten. Denn in Form von Tofu, pflanzlichen Bratlingen oder als Seidentofu für Desserts und zum Backen bietet Soja zahlreiche Möglichkeiten für vegetarische und vegane Gerichte.
Doch die in den Bohnen enthaltenen Isoflavone sind in die Kritik geraten: Senkt der Verzehr von Sojaprodukten die Spermienqualität oder lässt Mädchen früher in die Pubertät kommen? Die Studienergebnisse hierzu sind nicht eindeutig. Ebenso wenig lässt sich allerdings belegen, dass eine Ernährung, die reich an Soja ist, das Risiko für Herzkrankheiten mindert. Darüber hinaus sollte bedacht werden, dass gerade Soja überwiegend in Monokulturen kultiviert wird – für Menschen, die der Umwelt zuliebe auf Fleisch verzichten, ein wichtiger Punkt.

Bier und weibliche Formen

Der sprichwörtliche Bierbauch erscheint oft in Begleitung von Männerbrüsten. In einigen Fällen können diese durch die im Hopfen enthaltenen Phytoöstrogene begünstigt sein. Da übermäßiger Bierkonsum häufig mit Übergewicht einhergeht, bilden Fett und weibliche Hormone eine verhängnisvolle Gemeinschaft ein. Das gelegentliche Feierabendbier hat jedoch keinen Einfluss auf die Körperform.

In der Kritik: Tierische Lebensmittel und Verpackungen

Da auch Tiere ihre Körperprozesse über Hormone steuern, zählen Fleisch und Milch zu den hormonhaltigen Lebensmitteln. Der Hormonanteil hängt von verschiedenen Faktoren ab – auch das Futter der Tiere kann einen Einfluss haben.
Wer nicht übermäßig zu Fleisch- und Milchprodukten greift, braucht sich jedoch nicht zu sorgen.

Weitere Informationen rund um Hormone aus tierischen Nahrungsmitteln finden Sie in den Fragen und Antworten zu tierischen Hormonen des BfR.

Lebensmittel können zudem aufgrund ihrer Verpackung hormonaktivierende Substanzen enthalten. Eine davon ist Bisphenol A, kurz: BPA – ein Stoff der in manchen Konservendosen und in Plastikflaschen enthalten ist. BPA wirkt im menschlichen Körper ähnlich wie Östrogen. Für die Herstellung von Babyfläschchen ist BPA seit 2011 aus diesem Grund tabu. Inwiefern BPA sich auf die Gesundheit auswirkt, ist umstritten.

Mit pflanzlichen Hormonen sanft unterstützen

Wer gezielt Nahrungsmittel in seinen Speiseplan einbaut, die pflanzliche Hormone enthalten, kann möglicherweise hormonell bedingte Beschwerden abmildern. Eine starke Wirkung ist jedoch nicht zu erwarten. Konzentrierte Extrakte wie Traubensilberkerzen- oder Rotklee-Kapseln sollten wiederum nur nach Rücksprache mit dem Arzt eingenommen werden.
Denn ein Zuviel an hormonähnlichen Pflanzenstoffen kann den Hormonhaushalt aus der Balance bringen und somit langfristig mehr schaden als nützen.

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