Migräne-Spritze: Was sie verspricht

Pulsierende Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit, Übelkeit und sogar Sehstörungen – Migräne zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen überhaupt. Der Leidensdruck ist immens, an normalen Alltag häufig nicht mehr zu denken. Doch seit November 2018 gibt es Hoffnung für Migränegeplagte deutschlandweit: die Spritze gegen Migräne hat die Migräneprophylaxe revolutioniert. Mittlerweile sind drei verschiedene Wirkstoffe zugelassen, die dazu beitragen sollen, Häufigkeit und Ausmaß von Migräneanfällen zu reduzieren.

In diesem Artikel möchten wir uns näher mit dieser neuen Form der Migräneprophylaxe auseinandersetzen. Wie funktioniert die Spritze gegen Migräne? Welche Wirkstoffe kommen zum Einsatz? Für welche Personengruppen ist diese Art der Vorbeugung geeignet und wie sieht es mit Vorteilen und Nebenwirkungen aus?

Was ist Migräne?

Etwa zehn Millionen Deutsche kämpfen mit Migräne. Damit ist sie eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen überhaupt. Charakteristisch sind anfallsartige Kopfschmerzen, die in unregelmäßigen Intervallen auftreten. Diese können von wenigen Stunden bis hin zu mehreren Tagen andauern. Patienten beschreiben den Schmerz als pulsierend, pochend oder stechend. Klassischerweise tritt er einseitig auf, breitet sich im Laufe des Migräneanfalls aber durchaus auf den gesamten Kopfbereich aus.
Häufig ist die Schmerzintensität so stark, dass an die Weiterführung des normalen Alltags nicht mehr zu denken ist. Auch begleitende Symptome wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Lichtempfindlichkeit oder Sehstörungen (= Aura) treten auf. Man unterscheidet zwischen episodischer sowie chronischer Migräne.

Weshalb manche Menschen an Migräne leiden, ist nicht vollständig geklärt. Neurogene Entzündungsprozesse sowie veränderte Schmerzregulation dürften hier zum Tragen kommen. Man geht davon aus, dass es sich um eine neurologische Regulationsstörung handelt. Bereits in den 90er-Jahren fanden Forscher heraus, dass das Neuropeptid CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) in Bezug auf Migräne eine Rolle spielt. Wurde es injiziert, vermochte es, Migräneanfälle auszulösen. Nach erfolgter Behandlung sank der Pegel wieder ab. CGRP wird neben anderen Stoffen nachweislich während einer Migräneattacke gebildet, weitet die Gefäße im Gehirn und löst Entzündungsreaktionen aus. Nicht weiter verwunderlich also, dass die neueste Migräneprophylaxe – die Spritze gegen Migräne – die Bildung von CGRP im Körper hemmt.

Welche Medikamente bei Migräne?

Die Akutbehandlung von Migräne stützt sich in der Regel auf eine medikamentöse Therapie. Zur Anwendung kommen hauptsächlich Schmerzmittel (Analgetika, NSAIDs), migränespezifische Medikamente (Triptane) sowie Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen (Antiemetika), ferner Mutterkornalkaloide (nicht mehr Mittel der Wahl).

In Bezug auf Migräneprophylaxe kommen neben Magnesium, Topiramat (Antiepileptika), Betablockern (Blutdrucksenker) oder dem Antidepressivum Amitriptylin seit kurzem auch CGRP- und CGRP-Rezeptor-Blockern eine wichtige Bedeutung zu. Drei verschiedene Wirkstoffe – Erenumab, Galcanezumab und Fremanezumab – sind mittlerweile in Deutschland zugelassen.

Spritze gegen Migräne: eine Revolution in der Migräneprophylaxe

Erenumab, Galcanezumab und Fremanezumab, so heißen die Hoffnungsträger in der Migräneprophylaxe. Diese drei Wirkstoffe sind mittlerweile in Deutschland zugelassen um Migräne vorzubeugen. Erenumab wurde als erste Substanz im Juli 2018 deutschlandweit zugelassen und ist seit November 2018 verfügbar. Galcanezumab zog nach (November 2018 zugelassen, seit April 2019 verfügbar). Seit Mitte 2019 ist nun auch Fremanezumab auf dem Markt. Nach entsprechender Einschulung können sich Patienten die verschreibungspflichtigen Arzneimittel selbst injizieren. Unter die Haut gespritzt, sorgen die Wirkstoffe dafür, dass sich die Häufigkeit der Migräneanfälle reduziert. Die Injektion kann in Bauch, Oberschenkel oder Oberarm verabreicht werden.

Wie wirkt die Spritze gegen Migräne?

Die Wirkung der Spritze gegen Migräne beruht auf einer Interaktion mit CGRP. Zum Einsatz kommen humanisierte monoklonale Antikörper. Durch subkutane Applikation gelangt der Wirkstoff in den Körper und hemmt dort die Bildung von CGRP.
Je nach eingesetzter Substanz, wirken Antikörper auf CGRP selbst oder aber auf den CGRP-Rezeptor. Es kommt zur Reduktion des Neuropeptids, in weiterer Folge setzt eine prophylaktische Wirkung gegen Migräne ein.

Erenumab, Fremanezumab sowie Galcanezumab wurden allesamt umfassend in placebokontrollierten Studien in Bezug auf die Vorbeugung episodischer sowie chronischer Migräne untersucht. Alle drei Wirkstoffe zeigten eine signifikant höhere Wirksamkeit als Placebo, wobei angemerkt werden muss, dass eine erhöhte Wirksamkeit im Vergleich zur herkömmlichen medikamentösen Migräneprophylaxe nicht erwiesen ist. Im Hinblick auf die Verträglichkeit hat die Spritze gegen Migräne bisheriger Migräneprophylaxe allerdings einiges voraus.

Migräneprophylaxe: Diese Wirkstoffe kommen zur Anwendung

Erenumab war der erste Wirkstoff, der in Form der vorbeugenden Migräne-Spritze zur Anwendung kam. Eine echte Sensation, schließlich gab es in Bezug auf Migräneprophylaxe bislang keine spezielle Medikation, es fanden lediglich Arzneimittel Verwendung, die ursprünglich für andere Krankheitsbilder (Bluthochdruck, Epilepsie, Depression) entwickelt worden waren. Der Antikörper Erenumab blockiert den CGRP-Rezeptor im Gehirn und reduziert auf diese Weise Migräneanfälle monatlich um etwa 50 Prozent. Auch die Schwere der Migräneattacken kann nachweislich verringert werden.

Im Gegensatz zu Erenumab wirken sowohl Galcanezumab als auch Fremanezumab direkt am CGRP. Sie binden das Peptid, neutralisieren es und verringern so dessen Konzentration. Auf diese Weise kommt es ebenfalls zu einer deutlichen Reduktion von Häufigkeit sowie Schwere von Migräneanfällen.

Alle drei Wirkstoffe können in monatlichen Dosen unter die Haut injiziert werden, wobei für Fremanezumab darüber hinaus ebenfalls eine Injektion alle drei Monate zugelassen ist.

Für wen ist die Migräne-Spritze geeignet?

 

Die Spritze gegen Migräne ist für all jene Erwachsene zur Prophylaxe zugelassen, die an mindestens vier Tagen im Monat an Migräne leiden. Vorgesehen sind Wirkstoffe wie Erenumab, Galcanezumab und Fremanezumab vorrangig für jene Migräne-Patienten, die stark belastet sind und bei denenherkömmliche vorbeugende Medikamente keine Wirkung  zeigen, beziehungsweise nicht gut vertragen werden.

Überdies muss berücksichtigt werden, dass für die Migräne-Spritze keine Langzeitstudien vorliegen und deshalb besonders für Menschen mit erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen Vorsicht geboten ist. Bekannt ist nämlich unter anderem, dass CGRP auf die Blutgefäße und somit auch positiv auf die Blutdruckregulierung wirkt. Darüber hinaus kommt die Spritze gegen Migräne bei schwangeren oder stillenden Frauen, sowie Frauen mit akutem Kinderwunsch, nicht zum Einsatz.

Spritze gegen Migräne: Vorteile und Nebenwirkungen

Die Spritze gegen Migräne ist das erste Arzneimittel, das tatsächlich zur Migräneprophylaxe entwickelt wurde und dementsprechende Wirkung zeigt. Darüber hinaus sind – vor allem im Vergleich zur bisherigen vorbeugenden Medikation – kaum Nebenwirkungen zu verzeichnen. Lediglich Rötungen und Juckreiz an der Einstichstelle sowie leichte Magen-Darm-Beschwerden können auftreten. Ein Vorteil ist außerdem darin zu sehen, dass die Wirkung verglichen mit herkömmlicher Prophylaxe deutlich schneller eintritt.

Demgegenüber steht der Fakt, dass es sich bei der Migräne-Spritze um ein gänzlich neues Arzneimittel handelt, für das noch keine Langzeitstudien existieren. Nachteilige Wirkungen auf den Körper sind damit nicht auszuschließen. Genau aus diesem Grund kann die Spritze gegen Migräne bei manchen Personengruppen (Schwangere, Stillende, Frauen mit Kinderwunsch, Patienten mit Vorerkrankungen,…) momentan noch nicht zur Anwendung kommen. Ebenso ist die Therapie mit rund 500 Euro/Monat vergleichsweise teuer.
Abschließend ist zu bedenken, dass gerade bei einer solch komplexen Erkrankung wie Migräne, neben einer geeigneten Medikation, auch die nicht-medikamentöse Prophylaxe im Fokus bleiben muss. Hier haben sich einige Ansätze als besonders wirkungsvoll erwiesen:

  • regelmäßiges Ausdauertraining
  • Entspannungstechniken
  • Verhaltenstherapie
  • Akupunktur
  • regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
  • feste Mahlzeiten, um Blutzuckerschwankungen zu verhindern
  • Stressfaktoren im Alltag meiden

Die Spritze zur Migräneprophylaxe ist ein großer Meilenstein in der Behandlung von Migräne und gibt vor allem Menschen, die sehr häufig und stark unter Migräne-Attacken leiden, neue Lebensqualität. Zwar kann die monatliche Injektion des Wirkstoffs Migräne-Attacken nicht vollkommen verhindern, allerdings deutlich reduzieren. Neben der Migräne-Spritze sollten Betroffene aber auch künftig weitere Maßnahmen beibehalten, um Migräne zu vermeiden.

Menü