Rassismus im Gesundheitswesen

 

Rassismus begegnet uns im Alltag auf verschiedenste Weise, so leider auch im Gesundheitswesen. Dabei sieht das in der Deklaration von Genf festgeschriebene ärztliche Gelöbnis vor, dass Faktoren wie Geschlecht, Glaube, ethnische Herkunft, Staatsangehörigkeit, Rasse oder soziale Stellung keinerlei Einfluss auf die Behandlung von Patienten nehmen dürfen. In der Praxis sieht das vielerorts leider anders aus. Während es in den USA sowie manchen europäischen Ländern durchaus Bewusstsein und wissenschaftliche Bestrebungen gibt, was Rassismus im Gesundheitswesen betrifft, steckt die Auseinandersetzung in Deutschland bisher noch in den Kinderschuhen – etwas, das es zu ändern gilt.

Folgender Artikel soll Bewusstsein für die Problematik schaffen, Rassismus gegenüber BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) im Gesundheitswesen aufzeigen und die Folgen davon thematisieren. Auch Strategien, um langfristige Veränderung herbeizuführen, gelangen in den Fokus.

Wie zeigt sich Rassismus in der Medizin?

Historisch betrachtet fußt Rassismus in der Medizin in der Kolonialzeit. Kategorisierung und Hierarchisierung aufgrund von Rasse und Biologie ebneten rassistischen Annahmen und Stereotypen den Weg. Bis heute sind entsprechende Denkmuster vorhanden.

Rassismus im Gesundheitssystem erstreckt sich im wahrsten Sinne des Wortes von der Lehre bis hinein in die Praxis und zeigt sich in vielfältiger Art und Weise. An dieser Stelle ist es wichtig anzumerken, dass es sich dabei keineswegs um ein Problem Einzelner handelt. Vielmehr geht es um institutionell und strukturell verankerten Rassismus. Dennoch findet sich die Problematik in vielen Teilen der Welt kaum im öffentlichen und/oder wissenschaftlichen Diskurs. Ein solcher wäre aber wichtig, um den Kern der Sache aufzubrechen und langfristige Veränderung herbeizuführen.

Rassismus im Gesundheitswesen: von der Lehre bis zur Praxis

Rassismus im Gesundheitswesen beginnt bereits denkbar früh: in der Lehre. So ist diese voll und ganz auf einen männlichen und weißen Prototypen ausgerichtet. Dunkle Haut findet sich in der Fachliteratur allenfalls als Randerscheinung, was Diagnosen und infolgedessen Behandlungen deutlich erschweren kann. Auch darüber hinaus ist Diversität eher spärlich vorhanden, denke man etwa an den geringen Anteil von BIPoC im Medizinstudium oder auch die Anerkennung von Ausbildungen aus dem Ausland.

Darüber hinaus sind es rassistische Zuschreibungen, die nicht nur den Zugang zum Gesundheitssystem erschweren, sondern auch zu einer Ungleichbehandlung in der medizinischen Versorgung führen. Das reicht von der Anamnese über die Diagnosestellung bis hin zur Therapie. Ein klassisches Beispiel, auf das folgend noch ausführlicher eingegangen wird, sind Zuschreibungen in Bezug auf das Schmerzempfinden. Doch auch Faktoren wie Sprache, Kultur oder Aufenthaltsstatus nehmen Einfluss auf die medizinische Versorgung.

Rassismus im Gesundheitswesen: kein Problem Einzelner

In unseren Breiten wird das Rassismusproblem im Gesundheitswesen häufig als Einzelfallproblem heruntergespielt. Das gilt es entschieden zu verneinen. Fehlende wissenschaftliche Auseinandersetzung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im medizinischen Bereich eine Vielzahl Betroffener gibt, die rassistische Zuschreibungen erfahren. Alleine wenn man sich die Datenlage in den USA oder Großbritannien ansieht, darf man davon ausgehen, dass institutioneller und struktureller Rassismus auch in unserem Gesundheitssystem keinesfalls eine seltene Randerscheinung sein kann. So wurde im Rahmen von einzelnen neueren Befragungen in Deutschland Diskriminierung im Bereich Gesundheit und Pflege auch tatsächlich von jedem dritten bis vierten Befragten angegeben.

Vom Tunnelblick in der medizinische Lehre

Diversität findet sich in der medizinischen Lehre de facto kaum bis gar nicht. Wenn es um Diagnostik und Behandlung von Krankheitsbildern geht, steht nach wie vor der durchschnittliche mitteleuropäische Mann im Fokus. Dunklere Hautfarben und wie sich Erkrankungen hier präsentieren werden hingegen wenig gezeigt – und das, wo die Mehrheit der Weltbevölkerung überhaupt keine helle Haut hat. Auch die weibliche Perspektive wird oftmals vernachlässigt, was Fehldiagnosen auf den Plan ruft oder sich in falschen Medikamentendosierungen niederschlägt.

Fehlende Diversität in der Lehre kann eine adäquate medizinische Versorgung erschweren beziehungsweise verhindern und somit fatale Folgen für die Gesundheit Betroffener haben, das ist Fakt. Diagnose und Behandlung von Menschen, die nicht dem klassischen Prototyp im Lehrbuch entsprechen, sind nämlich automatisch erschwert. Dennoch ist der Tunnelblick weiterhin vorherrschend. Dabei wäre ein Aufbrechen so dringend notwendig, um dauerhafte Veränderung herbeiführen zu können.

Morbus Mediterraneus – rassistische Klischees beeinflussen medizinische Versorgung

Neben fehlender Diversität in der Lehre sind es vor allem rassistische Klischees und Fehlannahmen, die die medizinische Versorgung negativ beeinflussen. Es sind koloniale Denkmuster, die hier nach wie vor wirksam sind. Solche rassistischen Zuschreibungen können fatale Folgen in Bezug auf Diagnose und Behandlung haben.

Sehr beispielhaft sind hier die immer noch gebräuchlichen Begriffe „Morbus Mediterraneus“ oder „Morbus Bosporus“. Was wie eine ernstzunehmende Erkrankung klingt, basiert auf der rassistischen Zuschreibung, dass BIPoC ein übertriebenes Schmerzempfinden an den Tag legen. Das hat zum Teil fatale Folgen, was deren medizinische Versorgung im Akutfall betrifft – angefangen von der Diagnosestellung bis hin zur Dosierung von Medikamenten.

Rassismus im Gesundheitswesen und seine Folgen

Ob in der Lehre oder in der Praxis: Rassismus in der Medizin nimmt Einfluss auf die Diagnose und die Behandlung und kann somit fatale Folgen für die Gesundheit Betroffener haben. Liegt in Lehrbüchern etwa der Fokus auf heller Haut, bedeutet das im Umkehrschluss, dass das Erkennen und Behandeln von Erkrankungen auf dunkler Haut erschwert ist. Im schlimmsten Fall drohen dann falsche Diagnosen und Behandlungsfehler.

Rassistische Zuschreibungen, etwa in Bezug auf das Schmerzempfinden, können ähnliche Folgen für Betroffene haben. Das fängt damit an, dass beschriebene Symptome vom medizinischen Personal nicht ernst genommen werden und schlägt sich weiterhin in mangelhaften Diagnosen und Therapien nieder. Im schlimmsten Fall werden Therapien völlig unterlassen oder es kommt zu schwerwiegenden Behandlungsfehlern.

Rassismus in der Medizin: Forschung kann Veränderung bewirken

Um strukturellem und institutionellem Rassismus im Gesundheitswesen etwas entgegensetzen zu können, muss er zunächst erkannt und klar benannt werden. Umdenken findet im Kopf statt und gerade Faktenwissen kann dieses Umdenken anstoßen. Was es dazu braucht, ist demnach Forschung, die entsprechende Tendenzen ebenso aufzeigt wie Strategien zur Veränderung. Zwar steckt diese in unseren Breiten noch in den Kinderschuhen, Studien aus den USA, Großbritannien oder Kanada fokussieren jedoch deutlich auf rassistische Strukturen im Gesundheitsbereich. Hier konnte bereits mehrfach konkret belegt werden, dass rassistische Verhaltensweisen im Gesundheitssystem BIPoC gefährden. Sich daran zu orientieren und die Forschung auch bei uns voranzutreiben, ist demnach längst überfällig.

Rassismus im Gesundheitswesen aufbrechen

Es ist also dringend notwendig, rassistische Strukturen und Tendenzen sichtbar zu machen. Das kann gelingen, indem man die Forschung vorantreibt und auf diese Weise Faktenwissen schafft. Rassismus aufzuzeigen und so für die Allgemeinheit sichtbar zu machen, kann sowohl durch Patienten als auch durch das medizinische Personal selbst erfolgen. Überlegungen zu passendem Monitoring im Gesundheitswesen sind dazu notwendig. Eine Möglichkeit dazu wären etwa flächendeckende und niederschwellig zugängliche Beschwerdestellen in Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen.

Nicht nur ist es wichtig, Dinge zu benennen und auf diese Weise in den öffentlichen Diskurs bringen, auch Lehre und Ausbildung müssen entsprechend angepasst werden. So braucht es Diversität in Lehrbüchern beziehungsweise im medizinischen Feld allgemein. Fokus muss auf eine rassismuskritische Ausbildung im Gesundheitsbereich gelegt werden, in Aus- und Weiterbildungen sollte zudem Kultursensibilität deutlich Eingang finden. Um Rassismus im Gesundheitssystem etwas entgegenzusetzen ist es außerdem wesentlich, Sprachbarrieren abbauen. Wobei gesagt werden muss, dass der Bedarf von Dolmetschern im Gesundheitswesen kein neues Thema darstellt.

Grundsätzlich gilt es also, Forschungs- und Wissenslücken abzubauen und die Perspektive Betroffener in den Fokus zu rücken. Abschließend ein gelungenes Beispiel dafür, wie die Initiative Einzelner Großes bewirken kann: Der Londoner Medizinstudent Malone Mukwende gab sich nicht damit zufrieden, dass klassische Lehrbücher dunkle Haut aussparen. Kurzerhand sammelte er ab 2019 gemeinsam mit Co-Autoren entsprechendes Bildmaterial und veröffentlichte frei zugänglich „Mind the Gap: A Handbook of Clinical Signs in Black and Brown Skin“. Das Handbuch stieß auf große Resonanz und wird seither laufend weiterentwickelt und angepasst. Dabei ist der Titel freilich kein Zufall. „Mind the gap“ – die bekannte U-Bahn-Durchsage – spielt darauf an, dass Gefahr in Verzug ist, wenn wir (Wissens-)Lücken nicht füllen.

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